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Ein Hasenfuß mit Starpotenzial

Ein Hasenfuß mit Starpotenzial

Falkner Marco Wahl arbeitet im Tierpark Niederfischbach mit einer Vielzahl von Greifvögeln. Fürs Foto hat er einen Uhu auf den Handschuh genommen – der Seeadler zappelt noch deutlich zu viel… Fotos: damo

Ein Seeadler soll die neue Attraktion der Greifvogelschau werden

Noch läuft das Training mit Adlerdame Greta. Und dafür braucht der Falkner reichlich Geduld.

Sie wird es sich in ihren kühnsten Träumen nicht vorstellen können, aber: Greta wird in wenigen Wochen der unangefochtene Star einer Greifvogelschau sein. Zugegeben, im Moment ist sie davon noch meilenweit entfernt: Beim Fototermin mit der SZ würde sie sich am liebsten im Boden einbuddeln, und auf dem Handschuh von Falkner Marco Wahl flattert die junge Seeadler-Dame umher wie ein Huhn bei Gewitter. Aber: Wenn sie, vielleicht am Ende des Sommers, ihre imposanten Flügel ausstreckt und über den Köpfen der Zuschauer ihre Runden dreht, wird sie reichlich majestätisch wirken.

Seeadler Greta in ihrer Voliere im Tierpark Niederfischbach. Foto: gebra

Wer je einen ausgewachsenen Seeadler in freier Natur gesehen hat – zum Beispiel an der Ostseeküste oder der mecklenburgischen Seenplatte –, der weiß um das imposante Erscheinungsbild der Tiere im Flug. Eine typische Reaktion ist ein Blick nach oben, ein verwundertes Augenwischen und die Frage, ob dort oben am Firmament wirklich eine großzügig dimensionierte Kellertür segelt. Je nach Flügelhaltung erscheint die Silhouette ziemlich rechteckig, und die Flügelspannweite kann bis zu 2,90 Meter betragen. Gewaltig: Diese Vokabel kommt einem beinahe zwangsläufig in den Sinn.

So ist es kein Wunder, dass die junge Seeadlerin der größte Greifvogel ist, mit dem Falkner Wahl im Niederfischbacher Tierpark arbeitet. Und diese Arbeit hat schon begonnen – allerdings noch fernab von den Augen der Öffentlichkeit.

Denn die neueste Bewohnerin des Tierparks hat bislang keinerlei Erfahrung mit einem Falkner. Aufgewachsen ist sie im Tierpark Fürstenwalde, und dort hat sie in einer großen Freiflugvoliere gelebt. Und dort dürfte ihr die Idee, einem fremden Mann auf den behandschuhten Arm zu flattern, nicht in den Sinn gekommen sein. Genau das aber ist die Grundvoraussetzung, um das Tier in eine Greifvogelschau zu integrieren. Und daran arbeitet Wahl jetzt schon seit einigen Wochen.

Jeder Hundebesitzer wird es ahnen: Das Mittel der Wahl, um Greta zu trainieren, ist Futter. Erster Schritt: Wahl setzt sich zu der Greifvogeldame und bleibt in ihrer Voliere, während sie frisst. Das kann Stunden dauern – und durchaus gefährlich sein: Es hängt vom Charakter des Tieres ab, ob es mit Flucht oder Angriff auf den ungewollten Besuch reagiert. Im Attacke-Modus kann es wirklich unbequem werden: Seeadler haben rasiermesserscharfe Krallen und Schnäbel, und laut Wahl „wissen sie genau, wo es wehtut“. Greta hat aber offenbar keine Ahnung, welche Waffen sie am Körper trägt: Sie hat bei den ersten Trainingslektionen versucht, dem Falkner zu entkommen.

Diese Phase ist aber bereits hinterm Pflug, und so konnte nach vielen Tagen die nächste Lektion beginnen: Im zweiten Schritt muss sich die Seeadler-Dame ihr Futter aus Wahls Lederhandschuh holen. Auch diese Übung wird tagelang wiederholt – peu à peu soll das Tier die Scheu verlieren und sich an Wahl gewöhnen.

Für den nächsten Schritt braucht Wahl dann nicht mehr nur Geduld, sondern vor allem Unterarmmuskulatur: Greta soll lernen, auf Wahls Arm sitzen zu bleiben, während sie frisst. Und dann trägt Wahl sie herum – stundenlang. „Ich werde mir ein Stützgestell für den Arm bauen“, kündigt er an: Seeadler bringen locker 7 Kilo auf die Waage.

Wenn dieser Punkt erreicht ist, hat sich schon ein Vertrauensverhältnis zwischen dem Wildtier und dem Falkner entwickelt. Danach muss Greta noch lernen, auf Wahls Arm zu fliegen; der Falkner nennt das den Faustappell. Wenn der Seeadler diesen beherrscht, kann er allmählich in die Flugschau integriert werden. Wenn’s gut läuft, dürfte das in sechs bis zehn Wochen so weit sein. All das ließe sich auch beschleunigen: Es ist unter Falknern weit verbreitet, mit dauerhaft hungrigen Vögeln zu arbeiten. Warum, liegt auf der Hand: Je hungriger das Tier ist, desto eher springt es über den eigenen Schatten – in diesem Fall auf den Handschuh des Falkners. Aber Wahl ist der Überzeugung, dass sich mit diesem Zwang keine tragfähige Beziehung entwickelt: „Wenn Tiere so trainiert worden sind, fliegen sie oft weg, wenn sie zufällig mal satt sind.“

BERICHT: Siegener Zeitung vom 31.07.2020 – Daniel Montanus

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